Gleiche Chancen für alle Wege

Aus „Weißbuch Frauen Schwarzbuch Männer – Warum wir einen neuen Geschlechtervertrag brauchen“, Sibylle Hamann und Eva Linsinger, Deuticke, 2008:

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Beim „Mitmischen im Landtag“ haben SchülerInnen die Gelegenheit Abgeordnete der im Landtag vertretenen Parteien kennen zu lernen und zu befragen. Am Ende der 1-stündigen Veranstaltung dürfen dann auch die Abgeordneten jeweils eine Frage an die SchülerInnen richten, die diese nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten dürfen. Eine Frage, die ich dort schon öfter gestellt habe:„ Glaubt ihr, dass Männer und Frauen im  Moment schon die gleichen Chancen in unserer Gesellschaft haben?“  brachte bisher immer annähernd das gleiche Ergebnis. Relativ unabhängig von Zusammensetzung und Herkunft der SchülerInnengruppe hat sich eine deutliche Mehrheit bei „Nein“ gesammelt. Wenn man dann bei Einzelnen nachfragt, warum sie das glauben, beschreiben die Schülerinnen und Schüler meist ein diffuses Gefühl von Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis: In der Schule sei es ja noch ziemlich ok mit der Chancengleichheit, aber dann, im „richtigen Leben“… da sehe es dann doch ganz anders aus… Und dieses diffuse Gefühl täuscht leider nicht!

Echte Chancengleichheit existiert auch in Österreich im Jahr 2016 nur auf dem Papier. Frauen verdienen nicht nur nach wie vor eklatant weniger, sie besetzen auch eine absolute Minderheit an wichtigen Schlüsselpositionen in Politik, Wirtschaft und den meisten anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, sie sind weitaus öfter von Armut betroffen, ihren speziellen Bedürfnissen wird in relevanten Bereichen (z.B. Medizin und Gesundheitsversorgung) noch immer nicht ausreichend Beachtung geschenkt, sie leisten nach wie vor den überwiegenden Großteil an unbezahlter Arbeit und nehmen alle damit verbundenen Nachteile für ihre eigene Altersvorsorge in Kauf, obwohl der gesellschaftliche Wert dieser Arbeit unbezahlbar ist…und so weiter und so fort…

Das alles ist spürbar! Auch wenn es die Schülerinnen und Schüler bisher noch weniger betroffen hat. Es ist Teil eines kollektiven Bewusstseins, das bei der Beantwortung dieser Frage ganz klar zum Ausdruck kommt. Die Realitäten dieser Chancenungleichheit schränken nicht nur die persönlichen Entwicklungspotentiale junger Menschen ein. Sie rauben auch unserer Gesellschaft Entwicklungschancen. Dass Menschen unabhängig von Geschlecht und Herkunft ihre individuellen Stärken auf ihrem persönlichen Weg einsetzen können, ist wohl das größte Potential, das eine Gesellschaft zur Verfügung hat. Dieses Potential (mindestens) für die Hälfte der Bevölkerung so massiv strukturell zu beschneiden, schadet letztlich nicht nur den Frauen. Es schadet der Gesellschaft insgesamt!

Wir brauchen also dringend Frauen und Männer, die sich der Logik eines zunehmend versagenden Systems entziehen. Und ja, dazu brauchen wir Frauenförderung: damit endlich ein chancengleicher Zugang zu allen Bereichen von Politik, Wirtschaft, Familie und Gesellschaft möglich wird und die darin liegende Potentiale und Chancen gehoben werden könne. Das ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch eine Frage der Vernunft!

Meine Tochter ist 17 Jahre alt und hat noch ein Schuljahr vor sich. Ich möchte, dass ihr alle Wege offen stehen. Genauso wie meinen Söhnen. Ich möchte, dass meine Kinder selbst entscheiden, welche Wege sie einschlagen wollen und können – nicht ihr Geschlecht!

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