Macht das Sinn?

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Diese Woche haben mich unter anderem folgende zwei Meldungen besonders erschüttert:

„Zahl der Wirbeltiere seit 1970 weltweit um 60% zurückgegangen (Living Planet Report 2016)“

„Erstmals seit Messbeginn liegen die globalen CO2-Werte der Erdatmosphäre auch beim jährlichen Minimum über 400 ppm. Seit Jahrmillionen ist die Konzentration dieses Treibhausgases nicht mehr so hoch gewesen. Der Klimawandel schreitet unaufhaltsam voran.“

Der gemeinsame Nenner dieser furchtbaren Entwicklungen ist eine Art kollektiver Realitiätsverweigerung: Es darf nicht sein, dass das bestehende System, das auf immerwährendes Wirtschaftswachstum und immer mehr vom Selben setzt, ernsthaft hinterfragt wird. Lieber nimmt man völligen Zusammenbruch und Zerstörung aller Lebensgrundlagen und sozialen Zusammenhalts in Kauf, als mit dem Verschwendungs – und Ausbeutungsirrsinn aufzuhören und sich zu fragen wie „Wohlstand“ in Zukunft definiert werden könnte – und zwar nicht nur im Sinne einer westlichen Elitegesellschaft sondern in einem universellen Sinne, so dass es für alle Menschen und die verbleibenden Lebewesen auf diesem Planeten möglich wäre „wohl“ zu leben.

Seit ich Landtagsabgeordnete bin, werde ich immer wieder gefragt, ob man „in der Politik überhaupt etwas bewegen“ könne, ob es „Sinn mache“, sich das „anzutun“. Und natürlich frage ich mich das selber auch oft, denn gerade als Oppositionspolitikerin stellt man sich ja relativ oft auch als „Watschenfrau“ zur Verfügung und erlebt diese Rolle nicht gerade immer als sehr sinnstiftend.

Man muss sich anhören, man sei „gegen die Bauern“, wenn man Einschränkung von Giften wie Glyphosat oder sonstigen Pestiziden fordert. Man hört, wir Grünen seinen „gegen alleinerziehende Mütter“ (und alle, die sonst noch Arbeitsplätzen brauchen), wenn man die ökologischen, wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Gesamtfolgen der völlig fehlgeleiteten „Shoppingcenterpolitik“ der letzten Jahre und Jahrzehnte kritisiert und zumindest für die Zukunft eine Umkehr fordert.

Es wird sogar behauptet, man sei „gegen erneuerbare Energien“, wenn man nicht ganz glauben mag, dass durch ein Murkraftwerk in Graz mit all seinen ökologischen Folgen auch nur ein einziges Kohle – oder Atomkraftwerk auf diesem Planeten wegfallen würde. Und man wird dann auch noch als völlig naiv und weltfremd bezeichnet, wenn man die Meinung vertritt, dass wir Klimawandel, Verteilungskriege, Fluchtbewegungen, Millionen Hungertote und Ausrottung von Tier – und Pflanzenarten nur stoppen könne, wenn wir unseren Energie – und Ressourcenverbrauch VERRINGERN und das, was zur Verfügung steht auf gerechtere und intelligentere Weise erzeugen und nutzen!

Aber die Antwort ist dennoch: „Ja!“  – man kann etwas bewegen, es macht Sinn und man tut sich nichts an, denn man tut es ja freiwillig und – zumindest für mich kann ich das sagen – aus Überzeugung, dass man etwas Wichtiges beizutragen hat.

Entscheidend ist für mich nämlich dass, ich politisch FÜR die Dinge eintrete, von denen ich glaube, dass sie eine lebenswerte Zukunft für möglichst viele ermöglichen. Dass da meistens keine „schnellen Erfolge“ möglich sind (auch wenn gerade was den Klimawandel anbelangt eigentlich keine Sekunde mehr zu verlieren ist), war mir wohl von vorne herein klar.

Nicht viele der Vorschläge und Anträge, die wir als Grüne in den Steirischen Landtag einbringen, werden bis jetzt dort positiv bewertet oder gar mehrheitlich angenommen. Dennoch: Ich bin fest davon überzeugt, dass es dieses oftmals mühsame und sich immer wiederholende Aufzeigen von Alternativen braucht. Ich halte nichts von den zunehmenden „Totalzusammenbruchstheorien“. Dafür lebe ich zu gerne, dafür mag ich die Menschen und diese wunderschöne Welt einfach viel zu gerne…Und ich weiß, dass es mir – trotz all des Frusts und der Enttäuschungen – die ich natürlich auch oftmals in meinem ersten Jahr im Landtag erlebt habe, sicher nicht besser gehen würde, wenn ich nicht die Möglichkeit hätte, alles zu versuchen, um an einer positiven Entwicklung mitzuwirken!

Für mich zählt dabei jeder Schritt, jeder Versuch und da Versuche auf Landtagsebene „Anträge“ heißen, hier nun ein ganz aktueller Antrag passend zur eingangs erwähnten dramatischen Reduktion von Wirbeltieren um 60%!!! alleine in den letzten 45 Jahren!

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Ja, es macht Sinn, auch wenn es schon der x-te Anlauf ist, in dieser Sache weiter zu kommen. Es braucht eben noch weitere!!!

Retten, was zu retten ist!

20161016_194404_resized„Der grüne Auftrag“ auf der Titelseite und „Retten, was an Umwelt noch da ist“ auf Seite 2 der Samstagsausgabe der Kleinen Zeitung! Analysen zu Klimaschutz, Alternativenergie,..usw. und dazu schon unter der Woche eine Titelseite zum Thema „Plastik im Biomüll“, die sinkende Trennmoral im angeblichen Musterland der Mülltrennung, entsprechende Folgekosten und die in diesem Zusammenhang mehr als zweifelhafte Verwendung von „Bioplastik“. Und heute dann auch noch ein Artikel mit dem Titel „Hunger und Fettsucht: die neue Normalität?“

Die Diagnosen sind   – wenig überraschend – eindeutig: Wir können so nicht weitertun – zumindest nicht, wenn wir wollen, dass auch in 20, 30 Jahren in nennenswerten Teilen der Welt noch etwas übrig ist, was diesen Planeten lebenswert (oder sollte man besser überlebens-möglich sagen?) macht. Und schon gar nicht, wenn wir wollen, dass diese Lebensmöglichkeiten nicht nur einer immer kleiner werdenden Weltelite zur Verfügung stehen, während ein immer größer werdender Teil der Menschheit, (ver)hungert, im wahrsten Sinne des Wortes untergeht oder auf andere Weise gewaltsam umkommt.

Dass diese Diagnose allerdings längst auf allen Ebenen eine eindeutige und klare Behandlung bräuchte, dass immer mehr vom Selben, Wachstum um jeden Preis ohne Berücksichtigung von Nachhaltigkeit und Kostenwahrheit, von sozialen und ökologischen Konsequenzen, die „Rettung dessen, was an Umwelt noch da ist“ unmöglich machen, kommt leider nicht ganz so deutlich zum Ausdruck!

Wir brauchen endlich eine völlig andere Herangehensweise an „Wirtschaften“ und neue Zugänge zu dem, was wir „Wohlstand“ nennen. Wir brauchen tatsächlich einen „Grünen Auftrag“, in dem klar ist, dass Wirtschaft, die die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen bewirkt, niemals Wohlstand sichern kann!

Diverse Kommentare zu CETA (selbe Zeitung, selbe Woche) sprechen allerdings eine ganz andere Sprache. Sobald es um Handel geht, scheint es offenbar schon ein riesiger Erfolg zu sein, wenn das Senken von Umwelt –und Sozialstandards zumindest nicht ganz automatisch eintritt, sondern erst erstritten werden muss. Oder wenn sich aufgrund von „Markt – und Preislogik“ letztlich eben doch die Waren durchsetzen, die den größeren Schaden anrichten und alle, die da preislich nicht mithalten können, mit ihren nachhaltigen Produkten eben Pech gehabt haben…..schuld sind dann die „KonsumentInnen“ – deren „Macht“ allerdings schon jetzt sehr stark vom Geldbörserl abhängt und damit wie wir wissen mehr als ungleich verteilt ist…

Heutzutage unter all den bekannten Umständen Freihandelsabkommen abzuschließen, ohne die Absicherung bzw. Angleichung von Umwelt – und Sozialstandards auf einem Niveau zu gewährleisten, das zur Behandlung der oben erwähnten „Diagnose“ geeignet ist, ist meiner Meinung nach schlicht und einfach fahrlässig! Und wird jedenfalls nicht helfen, „zu retten, was an Umwelt noch da ist!“ – da nutzen alle Beschwichtigungsversuche wenig! Wir brauchen endlich Abkommen für eine „fairen, nachhaltigen Handel“ der auch unseren Kindern noch Wohlstand ermöglicht – auch wenn das vielleicht bedeutet, dass wir nach und nach unseren Überfluss reduzieren müssen.