Es braucht die kleinen und die großen Schritte

IMG_20180602_122806_resized_20180602_074714304

Mein heutiger plastikfreier Einkauf in Gratwein, ist definitiv einer der „kleinen Schritte“. Aber davon gab es in den letzten 9 Jahren zum Glück schon viele – und von sehr vielen!

Einwegplastik stellt ein massives Umweltproblem dar: Bis zu 85% aller Abfälle an Europas Stränden sind aus Plastik und davon ca. die Hälfte Einwegplastik. In der EU landen jährlich 150.000 bis 500.000 Tonnen Plastik im Meer. Die gesundheitlichen Folgen der rund 4000 verschiedenen chemischen Substanzen, die in der Plastikindustrie verwendet werden, können wir nach wie vor nur erahnen. Dasselbe gilt für die offenbar schon global durchgängige Belastung mit Mikroplastik, das über die Nahrungskette zwangsläufig wieder zu uns zurück kommt – und die EU fängt bei Strohhalmen an…

Wenn man sich so wie ich seit Jahren mit dem gigantischen Zerstörungspotential und möglichen Gesundheitsfolgen der uneingeschränkten Plastikverschwendungswut unserer Gesellschaft befasst, hätte man sich natürlich mehr gewünscht: Die großen Hebel, die endlich zur absolut notwendigen Reduktion der PRODUKTION von Einwegplastik führen würden, wurden nicht bedient, ja waren zuletzt nicht einmal mehr Thema: Plastiksteuer oder gar CO2 – Steuer, durchgehende Pfandsysteme für Einwegverpackungen, Einwegplastik, klar in Zahlen definierte Reduktionsziele,…

Es war klar – als die EU sich letzte Woche tatsächlich in ihrer „Plastikstrategie“ unter anderem auch zum Verbot gewisser Einwegplastikartikel durchgerungen hatte, ließen Hohn und Spott nicht lange auf sich warten: „Wattestäbchen, Plastikbesteck und Strohhalme…na das wird´s sicher bringen!“. Und nahezu in jedem Gespräch hatte irgendjemand eine „viel bessere Idee“, was denn nun zu tun sei, um den Plastikwahnsinn in den Griff zu bekommen.

Doch abseits der drängenden Fragen mancher Mitmenschen, wie sie nun wohl in Zukunft diverse Cocktails und Sommergetränke zu sich nehmen sollten, gibt´s natürlich absolut berechtigten Grund, an der ausreichenden Wirkung der von der EU vorgeschlagenen Maßnahmen zu zweifeln. Neben dem Verbot einiger besonders sinnloser Einwegplastikprodukte, soll es auch Reduktion von Lebensmittelbehältern, Einwegbechern,…usw. geben, die Sammelquote von Plastikflaschen soll auf 90 % gesteigert werden und einiges mehr…Alles gut und richtig, aber es fehlen hier leider verbindliche Reduktionsziele, konkrete Zahlen wieviel man tatsächlich einsparen will, klare Vorgaben. Das erinnert fatal an die Klima – und Energiestrategien der Bundesregierung und der steirischen Landesregierung. Man will zwar was tun (oder zumindest den Anschein erwecken) – aber bitte nur nicht zu konkret werden! Da könnte sich jemand auf den Schlips getreten fühlen…

Skepsis in Hinblick auf die ausreichende Wirksamkeit der vorgeschlagenen EU Plastikstrategie ist also mehr als angebracht und es wird definitiv weitere, konkretere und umfassendere Maßnahmen brauchen, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Dennoch war und bin ich nach wie vor auch eine Freundin von kleinen Schritten.

Seit ich 2009 den Film „Plastic Planet“ (Werner Boote) gesehen habe, lebe ich mit meiner Familie nahezu ohne Einwegplastik. Was als Experiment für ein Monat begann, ist inzwischen für uns zur Selbstverständlichkeit geworden – trotz teilweise widriger Umstände. Dass ich heute, nach 9 Jahren immer noch monatlich Vorträge und Lesungen aus meinem Buch „Plastikfreie Zone“ halte, dass sich Menschen laufend bei mir melden, um mit mir über meine Erfahrungen zu sprechen, all das ist unglaublich motivierend. Inzwischen haben unzählige Menschen weltweit das Problem erkannt, Initiativen gegründet, Projekte gestartet, neue Geschäftsmodelle entwickelt, vieles ausprobiert, manches wieder verworfen, aber jedenfalls sehr viel in Bewegung gebracht!

Für mich selbst war der kleine Schritt, den Plastikkonsum meiner Familie zu reduzieren letztlich ausschlaggebend dafür, mich noch mehr politisch zu engagieren. Im Laufe des ersten Jahres unseres „plastikfrei Einkaufens“ wurde mir zunehmend bewusst, dass die von den politisch Verantwortlichen erzeugten Rahmenbedingungen es teilweise geradezu verhindern, dass die Mehrheit der Menschen sich ökologisch und sozial sinnvoll verhalten kann. Und seit ich politisch tätig bin, bemerke ich, dass verantwortliche Politiker nur allzu gerne den Spieß umdrehen und sich auf die angebliche Macht der Konsumentinnen und Konsumenten ausreden. Doch ausreden gilt nicht mehr!

Wenn wir die Kurve kratzen wollen – egal ob es um Klimakrise, Plastikverschwendung, Luftverschmutzung,… geht, brauchen wir jedenfalls mutigere Politik. Mit ein Grund, warum ich allen Lippenbekenntnissen zum Trotz, nicht müde werde, laufend neue Initiatven einzubringen!

Gleichzeitig braucht es aber auch die vielen Graswurzelbewegungen und Initiativen und die vielen kleinen Schritte aller Einzelnen, die sich für eine echte Veränderung des Systems engagieren. Weil sie motovieren, weil sie die Veränderung sichtbar machen und vor allem WEIL SIE DIE POLITIK MUTIGER machen können und müssen!

In diesem Sinne kann ich auch die ersten sanften Maßnahmen der EU Plastikstrategie in einem positiven Licht sehen und werde weiterhin alles tun, damit auf allen Ebenen weitere Schritte in die richtige Richtung folgen!

Advertisements