Verantwortung übernehmen

Die gestrige Entscheidung der Bundesregierung, erneut mit sehr einschneidenden Maßnahmen gegen eine ungebremste Ausbreitung der Pandemie mit allen ihren Folgen vorzugehen, ist genauso notwendig, wie sie nachvollziehbarer Weise für viele Menschen belastend ist. Aber es geht eben um eine Abwägung: Alles, was uns lieb und teuer ist – „das Gesundheitssytem“, „unsere Freiheit“, „die Wirtschaft“, „die Kultur“, „das Schulsystem“…. hängt letztlich davon ab, dass wir ein gesundes, selbstbestimmtes Leben führen, unserer Arbeit nachgehen und mit anderen Menschen in Kontakt treten können. All das wäre durch eine nicht mehr eingrenzbare Ausbreitung dieses Virus in Gefahr – und zwar weitaus dauerhafter und viel massiver als durch die jetzigen Einschränkungen.

Es geht also nicht „nur“ um unser Gesundheitssytem, sondern um unser gesamtes gesellschaftliches Gefüge. Denn letztlich wären sämtliche Bereiche unseres Lebens betroffen, wenn Menschen nicht mehr die notwendige medizinische Versorgung bekommen können. Wenn ÄrztInnen und Pflegende entscheiden müssen, wer behandelt werden kann und wer nicht mehr. Wenn die Sicherheit verloren geht, dass jedem Menschen geholfen wird, der Hilfe braucht. Das gilt es zu verhindern. Denn das ist nicht mehr nur eine Frage des Gesundheitssystems. Das ist eine Frage des Menschseins und der Menschenwürde.

Um sie zu wahren, brauchen wir Menschen, die in der Politik Verantwortung übernehmen. Auch für Entscheidungen, die unangenehm sind und angegriffen werden, für Fehler, die unweigerlich passieren, dafür, dass man zum jetzigen Zeitpunkt so handeln muss, wie es aktuelle Fakten und Prognosen erfordern – auch auf die Gefahr hin, dass man im Nachhinein möglicherweise eines Besseren belehrt werden könnte. Dafür braucht es aber auch jeden einzelnen Menschen, der Verantwortung übernimmt. Verantwortung für etwas, was in der Zukunft liegt, was möglicherweise nie eintreten wird, was wir aber alle gemeinsam jedenfalls nur verhindern können, wenn wir jetzt geschlossen und solidarisch handeln. Und das ist im Übrigen die für mich deutlichste Verbindung der Krisen unserer Zeit, der Klima – und Umweltkrise und der Coronakrise: Wir müssen jetzt etwas tun, obwohl wir die Auswirkungen unseres Handelns oder nicht Handelns erst im Nachhinein sehen können – wenn auch in sehr unterschiedlichen Zeitdimensionen. In der ersten Welle hat es in Österreich funktioniert. Wir hatten im Gegensatz zu vielen anderen nie die dramatische Situation, Menschenleben gegeneinander abwägen zu müssen. Auch wenn das folgende „Präventivparadoxon“ möglicherweise mit ein Grund dafür war, dass viele im Sommer dachten: „Es ist eh vorbei!“ Aber so ist das nun mal: Vorsorge und vorausschauende Verantwortung führen im besten Fall eben dazu, dass es nicht so schlimm kommt, wie es kommen hätte können. Genau dort müssen wir wieder hin. Wenn am Schluss dann ein paar übrig bleiben, die meinen, es wäre alles übertrieben gewesen, dann werden wir das gut aushalten können. Diese Krisen stellt vieles in Frage: unsere Unverwundbarkeit, unsere Gewohnheiten, unseren Lebensstil, unsere Werte, unseren Umgang mit Wissenschaft, unseren Umgang mit Fehlern, unsere Solidarität. Sie ist definitiv eine riesige Herausforderung und sie wird es aufgrund der immensen sozialen und wirtschaftlichen Folgen auch noch lange bleiben. Sie zwingt uns, Verantwortung weit über unsere ganz persönlichen Interessen hinaus zu übernehmen. Das ist mühsam, das ist anstrengend, das können sicher auch nicht alle, im selben Ausmaß leisten. PolitikerInnen aller Fraktionen sind aber jedenfalls aufgerufen, darin Vorbilder zu sein. Denn genau damit können wir jetzt Leben retten und Perspektiven für die Überwindung dieser (und auch anderer) Krise(n) aufzeigen!

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